Gewohnheit oder Passion?

Aktualisiert: Sept 1


In meinem Song „Wenn ich kein Rapper wär“ aus dem Jahr 2011 schrieb ich den Satz:

„Es kommt wie's kommen muss ob so oder so, allein das Schicksal entscheidet über reich oder broke, Leben und Tod."


Ziemlich schwere Kost für einen 25-Jährigen der förmlich getrieben ist von dem Gedanken mit seiner Musik erfolgreich zu werden und von ihr leben zu können. Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung wo diese Zeile herkam, denn was sie bedeutet wusste ich damals noch nicht. Und doch schrieb ich sie auf.

Sprechgesang war und ist meine Kunst der letzten 18 Jahre, die mich durch jeden Tag und jede Nacht begleitet hat. Stunden über Stunden bis weit nach Sonnenuntergang schrieb ich Lieder und glaubte fest daran, dass sich mein Traum eines Tages erfüllen würde. Aber was trieb mich an, all meine Energie und Zeit in etwas zu investieren, das im Grunde genommen so unwahrscheinlich schien?

Ist es der feste Glaube an sich selbst oder nur Arroganz & Überheblichkeit? Bestimmt war ich davon überzeugt, dass meine Songs einen Grad an Professionalität aufwiesen und gewiss eine Chance in dem überlaufenen Business hätten. Ist es nicht egal, ob ich erfolgreich werde, Hauptsache ich mache Musik?!

Ist die Kunst eventuell schon immer ein fester Teil von mir gewesen oder ist es vielleicht nur eine Gewohnheit die ich mir antrainiert habe, wie beispielsweise das Zähneputzen am Abend?

Mit „Hauptsache ich mache Musik, lag ich falsch,“ denn meinen letzten Song schrieb ich rückblickend vor gut einem Jahr. Der getriebene und einnehmende Drang war irgendwie verflogen, sodass ich fast dachte ich könnte oder müsste es aufgeben. Sehr langsam und bedacht habe ich seit der Veröffentlichung meines zweiten Soloalbums in 2016 mit Musikern und Produzenten zehn Lieder eingespielt und fertiggestellt.


Nun liegen sie vor mir, ausgefeilt bis ins letzte Detail und hängen mir trotz ihrer Kraft und Emotionalität zum Halse raus. Das ist normal nach einer so langen Produktionszeit. Aber was nun? Hab ich noch den Traum von dem Mittzwanziger von vor zehn Jahren? Was trieb mich all die Jahre mit so viel Ehrgeiz an meine Musik nach außen zu präsentieren?

Eins ist klar, als Kind von zwei Musikern hab ich den Stuff schon mal im Blut!

Wenn ich zurück denke, war die Musik, noch bevor ich nur eine Zeile auf Papier brachte, an jedem meiner Kindheitstage ein großer Bestandteil meines Lebens.


Auch später gab es nichts anderes was mich künstlerisch interessierte oder ich hatte einfach nicht auf dem Schirm, was für Facetten die Kunst für mich noch bereit hielt.


Und genau in diesem Moment haue ich mit festen Schlägen Buchstaben in meine Tastatur. All die Worte die ich aneinander reihe ergeben einen neuen Satz und ich erschaffe eine neue Emotion. Etwas Neues das Menschen lesen. Wie meine Musik, die Menschen hören.

Wie Texte die ich schrieb um sie später aufzunehmen und zu veröffentlichen.

Da ist es nun. Ich tue im Grunde nichts anderes als das was ich die letzten 18 Jahre getan habe. Ich schreibe und es erfüllt mich mit Freude. Es ist also keine Gewohnheit sondern meine Passion einfach nur zu schreiben!


Seien es Lieder, seien es Texte wie diese oder vielleicht in der Zukunft auch ein Buch über irgendein Thema, Hauptsache ich schreibe. Denn es löst in mir keinen Schmerz aus wenn ich mich vom Liedermacher für einige Zeit distanziere, mich neu orientiere, um in einer anderen Dekade meines Daseins wieder "ans Mic zu steppen".

Ich bin mit dem Gedanken aufgestanden heute an dem Blog zu arbeiten und fühlte mich hervorragend am diesem frühen Morgen. Aber mehr ist es eine kleine Erkenntnis die mich packte. Ich wusste nun was mich all die Jahre angetrieben hat.


Doch was im Vergleich zu damals anders ist, ist, dass ich keine Erwartungen daran habe. Ich tue es für mich!


Dieser Text, er ist für mich und jedes Feedback von euch zeigt mir vielleicht nur eine neue Richtung auf, in die ich mich bewegen kann. Literarisch und menschlich. Einige von euch würden sagen: Warum veröffentlichst du dann diesen Text? Ich denke weil es für mich zu meiner Kunst und meinem Naturell gehört mein Inneres nach außen zu tragen und mich zu dem macht was ich bin und wonach ich zuletzt gesucht habe.

Foto: Gerhard Engel 2020

Was sagt nun die Textzeile von damals über unseren Antrieb aus? Ist es wirklich das Schicksal, welches über unseren Weg entscheidet? Ich denke es ist tief in uns verankert was uns tagtäglich beschäftigt und wir entdecken es erst an einem Wendepunkt in unserem Leben wieder neu. Wir reflektieren es, um es wieder zu einem Teil von unserem Alltag zu machen.


Doch bis wir "aufwachen", wie einer meiner Lieblingsrapper und systemischer Coach Michael Kurt aka Curse sagte, leben wir im Gewohnten ohne Fragen zu stellen. Wir fahren sozusagen auf Autopilot. Unser Blick ist oft auf das fokussiert was uns negativ tangiert und wir schaukeln es in Gedanken vor und zurück, bis wir komplett die Übersicht verlieren.

Jemand sagte mal, die Gedanken sind wie eine Wasserflasche voll Sand. Wenn sie in Bewegung bleibt und geschüttelt wird, ist die Sicht getrübt und alles ist durcheinander.

Doch stellt man die Flasche ab und der Sand setzt sich, wird die Sicht immer klarer bis alles zur Ruhe kommt. So ist es mit unseren Gedanken und unserer Suche nach unserer Bestimmung. Erst wenn wir aussteigen und wieder klarer sehen finden wir den richtigen Weg für uns.


Mein Geschriebenes spiegelt auch das wider was ich aus Erzählungen in meinem nahen und fernen Bekanntenkreis gehört habe. Ich versuche daraus meine eigenen Schlüsse zu ziehen und meiner Bestimmung zu folgen, die mir ein gutes Gefühl vermittelt.

Es geht auch stets darum eine reale Entscheidung für sich zu treffen. Jeden Tag treffen wir sie unbewusst, einfach salopp ohne es zu bemerken und verzweifeln dann daran wenn es um uns selber geht. Erst wenn es langsam anfängt zu schmerzen, fragen wir uns, ob das alles so richtig ist.


Um diesen Modus unbeschadet zu überstehen reicht keine Urlaubswoche auf Malle. Aber auch ein Jahr Auszeit wird dir nicht die Erkenntnis bringen die du dir wünschst. Denn sobald du wieder in die gewohnte Umgebung zurückkehrst, wird sich nach nicht mal zwei Wochen am alten Arbeitsplatz der gleiche Vibe einstellen, der dich zuvor so genervt hat.

Großglockner 2020


An jedem Morgen, an dem ich aufwache, versuche ich mich stets ein Stück mehr auf das zu besinnen was wichtig ist. Ich habe entschieden, meinem Gefühl und meiner Passion zu folgen und an anderer Stelle Abstriche zu machen, um mit mehr Zufriedenheit und Glück durch mein Leben zu gehen.


Igor Kamens







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