Die kleinen Dinge

Ich sitze in meinem Campervan. Auch liebevoll der „Elektriker“ genannt. Die Schiebetür steht offen und ich hocke auf der Schwelle mit einem Kaffee in der Hand, den ich mir unter meiner Heckklappe gekocht habe. Er dampft und wärmt mir die Hände. Ein leichter Regen tropft auf das Aufstelldach. Rigo liegt mir zu Füßen. Es war eine kalte Nacht und ich habe ihn in eine Decke gewickelt, was er dankend angenommen hat.

Wir stehen an einem kleinen Bach, der an der Nase meines Renault Trafic vorbeifließt.

Ich höre das Plätschern und schließe die Augen.

Ich atme tief ein. Immer wieder. Nicht wie sonst, denn ich atme ja ständig ein und aus. Nein, ich sauge den Moment ein. Die leichten Geräusche, die frische Luft und die Stille. Mein Blick geht nicht auf Hauswände und parkende Autos, sondern in die Natur. Meine Augen, die unentwegt auf einen kleinen Bildschirm gerichtet sind, fangen an sich zu beruhigen. Druck fällt ab. Ich atme wieder tief ein. Nippe an meinem Becher. Ich habe nichts vor und nichts geplant. Just in diesem Moment darf ich nichts weiteres machen als dazusitzen und zu sein. Ich muss mit niemandem reden und beantworte keine Nachrichten. Mein Smartphone ist im Flugmodus. Gedanken kommen, Gedanken gehen.

Was zählt ist der Moment. Können wir das? Einfach nur sein? Mit uns selbst?


Für einen Menschen wie mich, der stets in Bewegung ist und für den ein Tag der Unproduktivität ein verlorener Tag ist, war dieses „einfach sein“ und mal nichts tun, unvorstellbar!

Ich versuche es zu lernen. Abzuschalten! Einen Gang Müßigkeit einzulegen und die Dinge einfach mal „sein“ zu lassen. Es klappt nicht immer, aber immer öfter. Es gibt Tage an denen ich die Wände hochgehen könnte und schon nach dem aufstehen mit den Gedanken einen Marathon beschreite.

Die vielen Punkte auf der To do Liste sorgen schon in den ersten Minuten nach dem aufwachen für Chaos.


Ich sollte heute einkaufen gehen! Schaffe ich es vorher noch zum Sport?

Das DHL Paket hab ich auch noch nicht abgeholt! Der Abwasch wartet.

Schaffe ich es vorher noch ein paar Zeilen zu schreiben? Was ist mit dem Essen heute Abend? Eine Runde im Wald wollte ich auch noch drehen. Homepage, Finanzamt , Freunde, Haustiere, Reisen, planen, dies, das, usw., usw. …

Während diese Punkte durch meine Birne rattern, hab ich mir noch nicht mal die Zähne geputzt. Früher geschah das unbewusst. Unachtsam wie man in heutigen Zeiten zu sagen pflegt. Man dachte nicht darüber nach was man denkt und wie man es tut. Es ist anders und fühlt sich anders an. Scheinbar voll Leichtigkeit und Gleichgewicht erscheint vielen Menschen ihr Leben. Aber auch nur weil es ihnen einfach nicht bewusst ist. Tag um Tag. Einfach so, irgendwie.


Dieses „irgendwie“ weicht nach der Zeit aber irgendwie auf. Bei manchen geschieht es schleichend und andere bekommen die volle Ladung von einem Moment auf den anderen. Egal wie es geschieht, es verändert dich. Plötzlich hinterfragst du dein Dasein und all die kleinen Details deines Lebens. Auf welchen Pfad bin ich und wo will ich eigentlich hin mit dem was ich tue?



In diesem Moment bist du aber immer noch in Bewegung. Kein Stillstand in Sicht. Einfach vom Gas gehen, unmöglich. Wie auch, wenn sich das besagte Hamsterrad weiterdrehen muss?! Was werden die anderen von mir denken, denen es ja so gut geht. Sie haben immer was tolles zu posten und sind ständig auf einem neuen Abenteuer.

Und da stehst du nun. Schweißgebadet, total verwirrt und weißt nicht wohin.

Plötzlich wird jeder Morgen zu einem großen Fragezeichen. Jede standardisierte Handlung, die du so selbstverständlich ausgeführt hast, wirkt dir fremd und du fragst dich „Was ist mein Sinn und Platz auf dieser Welt?“.

Für mich war und ist diese Frage nicht nur bedingt existenziell, auch wenn ich nur eine neue Richtung einschlagen musste, um wieder Freude an dem zu erleben was mich ausmacht. Doch tragen viele Menschen eine schwere Last auf ihren Schultern und suchen teilweise verzweifelt nach ihrer wahren Bestimmung in dieser Welt.


Ich sitze daneben und schaue oft emphatisch und bedrückt drein und merke einmal wieder, dass wir unser Glück und unseren Sinn immer nur im Außen suchen, anstatt in uns zu blicken und dort anzufangen. Wie war wohl früher dieses Gefühl, sein wahres Bewusstsein zu erlangen und aufzuwachen, in Zeiten bevor es soziale Medien gab? Allein die Vorstellung, ich bin 30 Jahre alt und es gibt noch kein Facebook & Instagram. Das bedeutet, dass du nicht jeden Tag fast ununterbrochen bombardiert wirst mit Bildern, Videos, Kommentaren, Likes, Menschen, Emotionen, Meinungen und Dingen, die vor zehn Jahren noch keine Bedeutung hatten und heute oft den Großteil unsere Daseins ausmachen.


Menschen müssen sich heute sogar schon eine bewusste Auszeit von Handy und Internet nehmen. Verziehen sich in Kloster und Orte an denen sie sich einfach mal nur auf sich konzentrieren können. Sie schreiben öffentlich, dass sie ihre Abos aufgeräumt haben und beschweren sich in ihren Instagram Storys darüber, warum die Welt nicht so funktioniert, wie sie es gerne hätten. Ich schüttle bei sowas immer den Kopf und frage mich, ob es nichts wichtigeres gibt.


Wenn ich selber nicht künstlerisch aktiv wäre und nicht das Gefühl hätte, dass die sozialen Medien ein nötiger Bestandteil sind, um mich zu präsentieren, dann würde ich mein Smartphone in die Ecke feuern, mein Nokia 3210 aus der Schublade kramen und wieder ein bewusstes Leben führen.


Wie oft erwische ich mich dabei, wie ich zum tausendsten Mal wie ein Zombie durch meinen Feed scrolle, der mir das gleiche erzählt wie fast jeden Tag.

So langsam verstehe ich warum sich manch einer eine Hütte im Wald baut und sich von der medialen Welt und ihren Zwängen verabschiedet.

An dieser Stelle kann ich ganz ehrlich sagen, dass ich fast eine gewissen Art von Unwohlsein verspüre mich abzumelden, aus Angst die Menschen könnten mich vergessen.

Wie oft wartet man darauf, dass ein Freund auf eine Nachricht antwortet? Manchmal wartet man tagelang und ist enttäuscht, dass er sich nicht meldet? Es könnten gefühlt Monate vergehen bis man eines Tages den Satz bekommt: „Na noch am Leben?“.

Ich kenne dieses Gefühl und versuche es jedes Mal, wenn ich es wieder spüre, abzulegen.


Ich mache mir sehr oft eher Sorgen um meine Freunde, wenn sie sich lange nicht melden.

Aber so hat die Welt sich nun mal entwickelt. Aus diesem Grund versuche ich die Menschen die mir wichtig sind telefonisch zu erreichen. Zumindest meistens. Denn auch ich bin nicht davon befreit das telefonieren fast verlernt zu haben.


Neulich habe ich in einem bekannten Podcast gehört wie jemand sagte: "Also wenn mein Telefon klingelt stehe ich kurz davor die Polizei zu rufen. Ich hasse es wenn mich jemand anruft". Mein Gedanke war, ich habe schon lange nicht mehr so einen dummen und gleichzeitig traurigen Satz gehört. Denn für mich gibt es nichts schöneres als wenn sich jemand bewusst telefonisch bei mir meldet. Ich werde fast nostalgisch, denn das ist leider zu etwas ganz ganz seltenem geworden.

Momentan leben wir in einer Gegenwart, die sich vor Corona keiner so hätte vorstellen können. Wir sind gezwungen Zeit mit uns selbst zu verbringen. Ich kann mir vorstellen, dass das für den einen oder anderen beängstigend wirkt. Selbst für jemanden wie mich der viel Zeit alleine am Schreibtisch sitzt, alleine Sport treibt und gerne mit seiner Kamera alleine in der Natur unterwegs ist. Denn wie introvertiert das auch alles klingt, bin ich von meiner Persönlichkeit her eher ein extrovertierter Mensch, der Wohlbefinden, Glück und Zufriedenheit aus dem Beisammensein mit anderen Menschen zieht.


Meine letzte große Reise ist 14 Monate her. Jedes Jahr haben wir Pläne geschmiedet und waren mehrere Wochen in einer anderen Kultur unterwegs. Alleine 2019 habe ich sechs Länder bereist und nun darf ich es plötzlich nicht mehr. Ich vermisse es, möchte aber nicht zornig auf das Schicksal sein, sondern nehme den Moment so wie er ist und ziehe das positive aus der Situation. Wir Menschen in Deutschland sind privilegiert und leben in einem kompletten Überfluss von allem. Im Grunde ist jeder Zeit alles möglich. Alles was ich brauche und will, kann ich haben und mir steht die Welt offen.

Ich machen mir an dieser Stelle bewusst, das ich endlich mal etwas mehr Dankbarkeit empfinden sollte. Das tue ich tagtäglich, aber gerade in dieser Gegenwart ein großes Stückchen mehr. Meine Wünsche und Erwartungen sind so klein geworden, dass jede so minimale positive Veränderung pures Glück bedeutet.


Mein Blick in die Zukunft sieht mich in der Sonne sitzen, mit einer dampfenden Tasse in der Hand in meinem Lieblings-Café. Und alles was darüber hinausgeht ist pure Glückseligkeit, weil ein Virus uns dazu zwingt uns zu besinnen.

Und zwar auf die kleinen Dinge des Lebens!











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